Das Schweigen der Severinstraße
Eine Wirtstochter verlässt an einem Dezemberabend das Haus – und niemand im Viertel will etwas gehört haben.
Einführung
Am Abend des 12. Dezember 1931 verlässt die 19-jährige Wirtstochter L. W. den Hinterhof eines Gasthauses im Kölner Severinsviertel. Sie trägt einen dunklen Mantel und, so die Mutter, einen kleinen Umschlag in der Tasche. Sie kehrt nicht zurück.
Die Ermittler stoßen in den Tagen darauf auf eine Mauer des Schweigens. Nachbarn, Gäste und Lieferanten geben übereinstimmend an, nichts bemerkt zu haben – eine Einmütigkeit, die den Beamten damals schon auffällig erschien.
Chronologie
12. Dezember 1931, gegen 20 Uhr
L. W. verlässt den Hinterhof. Die Mutter sieht sie noch das Tor passieren.
13. Dezember 1931
Der Vater meldet die Tochter bei der Polizeiwache als vermisst.
15. Dezember 1931
Ein Lieferant erwähnt beiläufig einen Wagen ohne Beleuchtung im Hof. Seine Aussage wird später widerrufen.
Januar 1932
Zwei Briefe ohne Absender treffen bei der Familie ein. Beide sind nur wenige Zeilen lang.
Mai 1932
Die Akte wird als offen geführt und dem Archiv übergeben.
Verfügbare Dokumente
Vermisstenanzeige
1 Seite, ausgefüllter Vordruck mit Personenbeschreibung
Zwei anonyme Briefe
Abschriften, Originale seit 1946 nicht auffindbar
Vermerk zur Widerrufserklärung
3 Seiten, handschriftlich, unvollständig
Photographie und Karte


Zeugenaussagen
Ihre Tochter sei ruhig und unauffällig gewesen. In den Wochen zuvor habe sie häufiger Briefe geschrieben, deren Adressaten sie nie genannt habe.
Er habe in der Nacht des 12. Dezember einen dunklen Wagen ohne Licht im Hof gesehen. Drei Tage später nahm er die Angabe zurück und sprach von einer Verwechslung.
Ermittlungsnotizen
Der widerrufene Hinweis auf den Wagen ist das einzige konkrete Indiz der gesamten Akte. Dass er nur drei Tage später zurückgenommen wurde, deutet auf Druck oder auf Furcht hin – beides lässt sich nicht belegen.
Die anonymen Briefe sind nur in Abschriften erhalten. Die Zeilenführung der Abschrift lässt vermuten, dass der Schreiber mit dem Gasthaus vertraut war.
Ungeklärte Fragen
- Welche Briefe schrieb L. W. in den Wochen vor ihrem Verschwinden, und an wen?
- Weshalb nahm der Lieferant seine Aussage zurück?
- Wo befinden sich die Originale der anonymen Briefe?
Abschließende Archivbewertung
Stand der Akte
Der Fall bleibt offen. Das Archiv sucht gezielt nach privaten Korrespondenzen und Nachlässen aus dem Severinsviertel, die Rückschlüsse auf die Empfänger der Briefe erlauben könnten.
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